Julia
11. Februar 2022

Raus aus der Depression, rein in die Welt

depression erfahrungen

Meine Depression – ein Erfahrungsbericht

Dieser Artikel schwirrt seit ein paar Wochen in meinem Kopf herum und ehrlich gesagt, war ich mir nicht so sicher, ob ich den Mut habe, diesen Beitrag zu verfassen. Es sind sehr persönliche Einblicke in einer meiner schwersten Zeit. Sollte ich es jedoch schaffen, mit diesem Beitrag  nur einen von euch:

 

  • Mut zu machen,
  • nur einen Menschen zu inspirieren oder
  • in einer schweren Zeit einen Lichtblick geben kann

 

dann erfüllt dieser Beitrag seinen Sinn. Ich möchte ehrlich sein, gebe euch Einblicke in meiner schwersten Zeit und zeige euch, was aus dieser Zeit entstanden ist. Ich möchte euch zeigen, dass Reisen eine mentale Entwicklung ist, eine Herausforderung, die dich fordert. Sei es vor, während oder nach der Reise.

Meine schwerste Phase im Leben und wie mir die Weltreise half einen neuen Weg zu gehen

In meinem ersten Blogartikel  “Ja, zur Weltreise und warum es sich lohnt” habe ich bereits erwähnt, dass ich inmitten unserer Gedanken eine Weltreise zu machen an einer Überlassungsdepression (Burn-Out) erkrankt bin. Eine Weltreise plant man nicht von heute auf morgen und wir hatten von der Planung bis zur Umsetzung ca. 1,5 Jahre  Zeit.

Eine Überlastungs-Depression kommt schleichend. Ich wusste von der Theorie her, welche Anzeichen es für eine Depression gibt, wie ich diese vorbeugen kann, das half mir im echten Leben jedoch nicht. Es fing eigentlich damit an, dass ich mit einem unguten Gefühl zur Arbeit ging, ich verlor den Spaß an der Arbeit, machte mir über Kleinigkeiten Gedanken und sah kleine Aufgaben als unfassbar schwer an und kaum zu bewältigen. Im inneren merkte ich selbst „Hey Julia, da stimmt etwas nicht“, doch die Erkenntnis und das eigene eingestehen, dass mit meiner Seele und meiner Psyche etwas nicht stimmt, die verdrängte ich erfolgreich. Ich schob meinen Zustand und meine Gedanken Corona zu und sagte mir, dass alles vorübergeht.  Schließlich wusste ich auch, dass ich nur noch knapp 1 Jahr arbeiten möchte, bevor es auf unsere große Reise geht. Ich kann doch nicht kurz vorher schlapp machen, was soll ich sagen und wie sieht das aus? „Ich kann nicht mehr?“ Mir tut doch nichts weh, ich habe kein Bein oder Arm gebrochen, was man von außen direkt sieht. Das sind Fragen und Gedanken, die mir täglich durch den Kopf gingen. Ich beschloss in meinem Hamsterrad weiterzumachen. Ich arbeitete viel, sprang immer ein, den die anderen Kollegen kamen schließlich auch an die Grenzen, und deren Wohl war mir ebenso wichtig. Eines Tages stand ich morgens in der letzten Minute auf, ich fühlte mich immer so unfassbar müde. Mein Sport verfolgte ich strikt weiter, das gab mir das Gefühl der Normalität und das Gefühl, dass ich noch eine Aufgabe kann. Somit lief und lief und lief ich, beim Laufen fühlte ich mich frei, ich konnte das zu 100 % und konnte auch nichts falsch machen. Dadurch bekam ich Anerkennung, die mir in meinem Beruf als Altenpflegerin auch in gewisser Hinsicht fehlte, den dort war immer alles schlecht.

Ich kann euch nicht sagen, wie lange das so ging, aber im Nachhinein schätze ich, dass es bestimmt 4 bis 5 Monate waren, in der Zeit versuchte ich alles zu ignorieren und wollte nicht akzeptieren, dass ich ein Problem habe. Später kam dann der erste Zusammenbruch. Aus dem Nichts, sackte mein Kreislauf weg, auch da wollte ich nicht wahrhaben, dass ich länger benötige, um gesund zu werden, dass ich überhaupt krank bin. Ich gönnte mir eine Auszeit von 10 Tagen, denn schließlich erholte ich mich immer schnell und 10 Tage sollten reichen. Nach 10 Tagen ging ich wieder zur Arbeit, fühlte mich die ersten 2 Tage gut, doch leider bemerkte ich schnell, dass ich regelrecht mit Bauchschmerzen zur Arbeit ging. Ich hatte Angst vor jeden neuen Tag, Angst davor, den Aufgaben nicht gewachsen zu sein. Ich sagte mir jedoch, dass ich so seit 10 Jahren immer einen guten Job gemacht habe, jede Situation gemeistert habe, also warum auch jetzt nicht? Es war komisch, es fühlte sich alles so unfassbar schwer an. Bei jeder Kleinigkeit kamen mir die Tränen, jede Aussage nahm ich mir so unfassbar stark zu Herzen, ich schob alles auf mich und konnte es mir nicht mehr recht machen. Ich konnte überhaupt keinen klaren Gedanken mehr fassen. Irgendwann schaffte ich es nach der Arbeit nicht mehr meinen Sport auszuüben. Der Appetit wurde immer weniger, jede Aktivität hat einfach so viel Kraft gekostet, dass ich all die Kraft für die Arbeit aufheben wollte. Ich tat also nach der Arbeit nichts anderes als herumliegen. Mir schlich sich langsam der Gedanke ein, wie soll ich das schaffen? Ich kann nicht mehr, aber was soll ich tun? Zum Arzt gehen, was soll der den von mir denken?

Im Nachhinein ging es immer darum, was andere von mir denken, wie ich dastehe, nie ging es aber um mich, um meine Gesundheit und Bedürfnisse, die habe ich in die letzte Reihe gesteckt.

Dann kam der große Zusammenbruch, ich konnte einfach nichts anderes mehr als weinen, weinen und weinen. Mir war schlecht und ich habe eine Abwehr gegen die Arbeit bekommen, ich schaffte es nicht mehr aufzustehen, mein äußeres habe ich schon längst vernachlässigt. Dank meiner liebevollen Arbeitskollegin und meinem Partner, ging ich letztlich zum Arzt.

Dieser Gang, war der schwerste in meinem Leben, denn ich gestand mir auch ein, dass ich nicht gesund bin, auch wenn du es vielleicht nicht auf den ersten Blick gesehen hättest. Die Ärztin schrieb mich 2 Wochen krank und ich nahm Medikamente. Ich merkte schnell, dass 2 Wochen nicht reichen würden. Ich war unfassbar müde, schlief den ganzen Tag und verbrachte die Tage entweder im Bett oder auf der Couch. In der Zeit, kann ich nur dankbar sein, dass ich so einen liebevollen Partner an der Seite hatte, der zu jeder Zeit Verständnis zeigte, der all die Dinge kompensierte, die ich nicht hinbekam und in der schweren Zeit immer zu mir hielt und nicht aufhörte mich zu lieben.

Ihr könnt euch denken, dass es mit 4 Wochen Krank auch nicht getan war. Am Anfang verheimlichte ich noch, dass ich eine Überlastungsdepression habe, es war mir peinlich, den in meinen Augen hatte ich komplett versagt. Ich hatte wirklich eine tolle Unterstützung von Familie und Freunden, nur den wenigsten erzählte ich am Anfang, was mit mir los ist, denn ich verstand es selbst nicht. Ich verstand das ganze Leben nicht mehr. Mit der Zeit wurde es zum Glück besser und ich bin dankbar, dass ich heute so offen mit der Zeit umgehen kann. Es ist ein Teil, der zu meinem Leben dazu gehört, der mich unfassbar geprägt hat.

Depression und Weltreise – geht das überhaupt?

Nun rückte auch die Weltreise immer weiter weg, ich war krank, es dauert bis ich wieder Gesund bin und keiner kann mir sagen, wann meine Seele wieder Ja zum Leben sagt! Ich war vorher nie länger als 2 Wochen krank, dass ich jetzt für mehrere Monate krank sein werde, war eine schlimme Erkenntnis.

Diese Erkenntnis war ein harter Schlag, den plötzlich gelang mein ganzer Plan ins Wanken und ich wusste nicht, wie mein Lebensweg weitergehen soll. Ich hatte bisher immer einen Plan! Die Weltreise war schließlich ein Lebenstraum, den wir uns beide erfüllen wollten. Endlich gemeinsam Zeit zu haben und nicht seine Lebenszeit in die Arbeit stecken, um irgendwann mal vielleicht seinen Traum zu verwirklichen, zu können.

In der Zwischenzeit habe ich mir Hilfe bei einer Körpertherapeutin geholt. Der Schritt war schwer, aber auch hier habe ich Unterstützung von meinem Umfeld  erhalten.

Wir reden hier von einem Zeitraum von 1 bis 2 Monaten. Als ich die Therapie begann, ging es langsam, aber Schritt für Schritt bergauf. Im Nachhinein war es das beste, was mir hätte passieren können. Ich lernte mich in der Therapie neu kennen, lernte mit meinen Bedürfnissen und Gefühlen besser umzugehen. Lernte, dass ich liebenswert bin, auch ohne Leistung, dass ich meiner Gesundheit einen anderen Stellenwert geben muss. Ich hatte eine Person gefunden, die mich in der schweren Zeit an die Hand nahm und mir aus diesen „schwarzen unfassbar tiefen Loch“ heraushalf. Es war eine Berg- und Talfahrt, die Therapien waren teilweise unfassbar anstrengend, und raubten mir Energie.

Ende Juni, als es mir zwischenzeitlich besser ging, beschlossen wir den Gedanken an die Weltreise wieder anzugehen und die Schritte der Vorbereitung in Angriff zu nehmen. Zu dem Zeitpunkt war es für mich noch schwierig, zu glauben, dass es klappen sollte, den ich konnte noch keinen vollen Alltag bewältigen, musste mir viele Ruhephasen einplanen und auch Aufgaben, wie z. B. ein Telefonat oder Gang zum Arzt fielen mir schwer. Meine Therapeutin unterstütze mich jedoch in unseren Vorhaben, gab mir vertrauen und bestärkte mich darin, dass meine Energie wieder zurückkommen wird. Meinen Job, wollte ich sowieso kündigen, den ich konnte mir nicht vorstellen, wieder in den Betrieb zurückzugehen, etwas wehrte sich dagegen.

Die Planung der Weltreise, gab mir wieder ein Sinn im Leben, ich hatte eine Aufgabe, der ich mich widmen konnte. Das war so gut und wichtig in der Zeit. Denn an einen normalen Vollzeitarbeitstag war überhaupt nicht zu denken. So teilte ich mir die Planung frei ein, dann wenn eine Phase der Konzentration und auch des wollen da war, plante und organisierte ich. Meist dauerte die Phase nur eine halbe Stunde an, doch ich lernte zu akzeptieren und war dankbar, wieder eine kleine Aufgabe zu haben.

Ich kündigte meinen Job, das befreite mich zusätzlich, denn alleine der Gedanke, da wieder hin zu müssen, versetze mich in komplette Panik. Ich bin so dankbar, für meine Therapeutin, die mich in jeder Hinsicht unterstützte und bestärkt hat. Langsam im Schneckentempo bildete sich aus einem “tiefen dunklen schwarzen Loch” ein Weg, der noch viele Abzweigungen hatte, jedoch immer klarer wurde. Ein Ziel zu haben, empfand ich im Nachhinein, als so wichtig, nicht in sein “altes” Leben zurückzugehen, um vielleicht wieder dieselben Fehler zu machen. Die Planung der Weltreise gab mir einen Sinn und eine Aufgabe, ich denke dass ist so wichtig, somit habe ich mich nicht ganz so wertlos gefühlt, was vorher oft der Fall war.

Die Depression sollte füt mich eine Art Umbruch darstellen. Hier passt der Satz “Um Gutes entstehen zu lassen, musst du durch den Schmerz hindurch gehen.” Ein kleines Beispiel, wie oft hört ihr den Satz “Sport ist Mord? Ja klar, kann es beim Sport mal anstrengend werden und ihr müsst über eure Grenzen gehen und das tut vielleicht auch weh, aber im Nachhinein, tust du was für deinen Körper. Der wird es dir danken, du stärkst ihn, stärkst dein Immunsystem, auch mental hilft dir Sport.

 

„Das Glück Deines Lebens hängt von der Beschaffenheit Deiner Gedanken ab.“  Marc Aurel

 

Warum erzähle ich euch über meine Depression und was hat das mit Weltreise zu tun?

Ich möchte euch inspirieren, ich möchte raus mit meiner Geschichte, den ich bin mir sicher, dass ich nicht alleine bin, dass sich vielleicht der ein oder andere in meiner Geschichte ein Stück weit wiederfindet. Ich hätte mir gewünscht mehr Geschichten zu lesen in meiner Phase, die einem Mut machen. Jeder Weg ist anders, der eine vielleicht schwerer, der andere Weg einfacher, ABER es lohnt sich IMMER zu kämpfen.

 

Den das Leben, das wir führen, haben wir nur einmal, es ist ein Geschenk, ein Privileg, das wir hier sein dürfen, also mach das beste draus, lebe für dich und nicht für andere, gehe Risiken ein, sei mutig, tue Dinge, die dich glücklich machen, es muss nicht immer für andere nachvollziehbar sein.

 

Du hast dein Leben in der Hand und kein anderer. Ich bin dankbar, dass wir die Weltreise machen können und für mich gibt es heute im Rückblick keinen besseren Zeitpunkt. Wir haben viele liebe Menschen zurückgelassen, haben unsere Sicherheiten aufgegeben, doch wir leben gerade unseren Traum und wir wissen nicht, was nach der Weltreise sein wird, doch vertrauen gehört eben dazu.

Ich werde nicht in meinen alten Job zurückgehen, denn die Arbeitsbedingungen passen nicht mehr mit meiner Einstellung zusammen, ich möchte nicht mehr unter diesen Bedingungen arbeiten. Innerlich schmerzt das heute noch, denn den Beruf als Altenpflegerin, die verbundenen Aufgaben haben mir immer viel Freude bereitet und ich habe immer sehr gerne diesen Beruf ausgeübt.

Was kommen wird, kann ich nicht sagen, ich lerne gerade selbst ganz neue Seiten an mir kennen, ich merke wie ich durch diese schlimme Zeit gewachsen bin und dank der Weltreise habe ich genau die Zeit. Ich bin frei, kann mich mit mir beschäftigen und tief in mich hineinhören, was ich möchte. Die Reise gibt mir Zeit zu sein, Zeit neue Dinge auszuprobieren und mich wieder ein Stück weiter kennenzulernen. Ich sage euch, im Nachhinein, war die Depression ein Geschenk, den so konnte ich mich kennenlernen und schätze heute die Welt und das Leben viel mehr. Ich genieße die Reise noch bewusster und bin so unfassbar stolz und dankbar hier zu sein und den Mut gehabt zu haben, den Sprung ins Leben gewagt zu haben.

Bist du mutig, dann spring und stürze dich ins Leben, du kannst immer nur gewinnen, allein die Erfahrung ist ein Gewinn.

 

„Die Zeit, die wir uns nehmen, ist die Zeit, die uns etwas gibt.“ (Ernst Ferstl)

 

Ich danke euch aus tiefstem Herzen, wenn ihr den Beitrag bis zum Ende gelesen habt. Ich hoffe, ich konnte euch etwas inspirieren. Dieser Beitrag liegt mir sehr ans Herzen, denn es sind doch private Einblicke. Ich freue mich über Kommentare und ihr könnt mich gerne über unser Kontaktformular kontaktieren.

Ich schicke euch, nur das Beste aus Panama und eine große Portion Mut.

Eure Julia.

4 Antworten

  1. Hallo liebe Julia.
    Im Fitnessstudio hattest du ja, nachdem wir uns eine Ewigkeit nicht mehr gesehen haben, kurz angerissen, wie es dir ergangen ist. Das jetzt aber so zu lesen… meinen größten Respekt! Ich hatte echt Gänsehaut!!!
    So schlimm alles war, im Endeffekt war es doch für etwas gut! Respekt auch an Stefan, der für dich da war. Das ist unbezahlbar!
    Euch noch eine schöne Zeit!
    LG Katja

    1. Hallo Katja,

      vielen lieben Dank für dein Feedback. Es freut mich, dass er wirklich auch durchgelesen wird und so gut ankommt. Es war ein Herzensbeitrag.

      Ich schicke dir sonnige Grüße Julia

  2. Liebe Julia,
    das ist ein sehr mutiger Beitrag! Ich bin froh ihn gelesen zu haben und so einen kleinen Einblick zu haben, wie es dir ergangen ist.
    Hoffentlich erreicht er wie gewünscht andere Betroffene und schenk ihnen Hoffnung. Aber auch als (bisher) nicht Betroffene finde ich deinen Beitrag sehr lesenswert, zumal er mich ganz stark zum Nachdenken anregt.
    Lg Julia

    1. Hallo Julia,
      dein Feedback freut mich sehr und vielen Dank, dass du es mir mitteilst.
      Ich freue mich so sehr darüber, dass der Beitrag so gut angenommen wird und dennoch auch zum Nachdenken anregt.

      Vielen lieben Dank dafür!

      Sonnige Grüße aus Panama

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